Jim Rakete

TRUE FRIEND
Für den Bedeutungsverlust der analogen Fotografie um die Jahrtausendwende gab es nicht nur technische Gründe und Bequemlichkeiten. Der Besitz immer größerer Mengen von Bildern, die Bedeutung der Rechner selbst, die zum Mittelpunkt unseres gesamten Informations- und Kommunikationsverhaltens geworden war, auf dem nun auch noch alle Bilder gesammelt und geteilt werden sollten, übten einen unwiderstehlichen Sog auf die gesamte Bilderwelt aus. Es kam: die Bilderflut. Eigentlich das Gegenteil von Fotografie.

Vermutlich war es der Moment auf dem Rückflug von Washington in der Regierungsmaschine. Ich saß zwischen feixenden Kollegen, die mir dabei zuschauten, wie ich meine Filme aus den Kameras kurbelte. Ihre Arbeit war getan, die Bilder waren ausgesucht und versendet, sie spielten Skat auf dem Klapptisch. Während ich daheim ins Labor gehen würde, um meine Filme zu entwickeln. Da befiel mich das Gefühl, es noch einmal mit den Ursprüngen der Fotografie zu versuchen, und die Gegenwart mit den Mitteln der Vergangenheit zu betrachten.

Monate lang übte ich mit alten, riesigen Linhof Kameras, bis das Denken in den Händen angekommen war. Dann begann ich im Februar 2007 eine Serie über Gesichter, die wir alle zu kennen glauben. VERTRAUTE FREMDE, 1/8 sec. wurde eine Ausstellung und ein dickes Buch, randvoll mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, vom Künstler bis zum Schauspieler, vom Boxweltmeister bis zum Politiker. Ein Jahr lang stellte ich die schwere Kamera aufs Stativ und mühte mich, die Regeln zu befolgen.

Bei einer Plattenkamera liegt das Gelingen im Ritual. Nur wer die Checklist aus Blende und Belichtungszeit, Verschluss auf, Verschluss zu, Kassettenschieber raus und wieder rein, das behutsame Auslösen auf dem Stativ zu einem Ablauf gemacht hat, kann mit guten Ergebnissen rechnen. Das riesige Filmformat hat im Nahbereich eine verschwindend kleine Tiefenschärfe, der auf der dämmrigen Mattscheibe nur mit der Lupe beizukommen ist. Kamera und Objekt dürfen sich bei den absurd langen Verschlusszeiten keinesfalls bewegen. Und im Anschluss folgt die nervenzehrende Entwicklung der Planfilme in riesigen Tanks bei vollständiger Dunkelheit.

Oft weiß man nicht recht, ob man die Technik beherrscht, oder ob es nicht eher umgekehrt ist.

Am Ende aber zählt die Begegnung zweier Persönlichkeiten. Der des Porträtierten gegen die der beeindruckenden Kamera. Alles anderen versinkt in den weichen Konturen der Unschärfe. Was hervortritt, ist eine Konzentration. Denn auch der Porträtierte muss sich einlassen auf den Stillstand des Augenblicks. Es ist ein konzentrierter Blick – auf einen konzentrierten Blick. Im klassischen Schwarzweiss entsteht ein Moment von Zeitlosigkeit; das Auge findet kaum Referenzen dafür, wann das Bild gemacht wurde.

Es war ein langer Weg mit vielen Fehlern. Drei Linhof Kameras und ich hatten eine lange Zeit ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil meine Ungeduld ganz oft in die Quere kam. Zusammen haben wir gelernt. Dass ein Bild klüger sein kann als sein Knipser. Dass die Verantwortung eines Fotografen darin besteht, sich für den einen Moment zu entscheiden, statt einen Erdrutsch an Ideen in die Welt zu setzen. Und dass auch eine Linhof ganz schön schnell sein kann, wenn man sich auf sie einlässt.
Dass weniger oft mehr ist.

So kam es, dass wir Freunde wurden. Im Stimmgewirr meiner kritischen inneren Mitarbeiter höre ich ganz oft die Linhof auch dann heraus, wenn ich eine ganz andere Kamera in den Händen halte. Geht das nicht einfacher? fragt sie. Warum so viele Bilder?
Und wenn ich ehrlich antworten soll: das weiß ich ziemlich häufig nicht.

April 2015, Jim Rakete

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